"Fleischwolf" seziert den deutschen Hip-Hop zwischen Underground und Kommerz
Jonas Seifert"Fleischwolf" seziert den deutschen Hip-Hop zwischen Underground und Kommerz
In der ARD-Mediathek ist die neue 12-teilige Serie Fleischwolf erschienen – ein scharfsinniger Blick auf die deutsche Hip-Hop-Szene der Gegenwart. Im Mittelpunkt stehen Zino Markarian und Andrej Filatow, zwei Männer auf der Jagd nach Reichtum und Ruhm, die gleichzeitig die Auswüchse der heutigen Rap-Kultur auf die Schippe nehmen. Mit überdrehtem Humor und schonungsloser Gesellschaftskritik thematisiert die Serie den Konflikt zwischen Underground-Wurzeln und kommerziellem Erfolg.
Der Auftakt der Serie setzt gleich mit einer absurden Einleitung ein: Filatow fährt mit einem E-Scooter durchs Kanalwasser, im Hintergrund lauern KI-generierte Wölfe, und ein Bär schwingt sich am Berliner Fernsehturm entlang. Diese chaotische Energie prägt eine Show, die Satire mit realen Abrechnungen über die Kommerzialisierung des Hip-Hop verbindet. In zwölf Folgen werden Themen wie Rap, Männlichkeitsbilder und der Mythos vom Selfmade-Millionär seziert.
Markarian und Filatow gründen eine eigene Produktionsfirma und lassen sich von fragwürdigen Coaches und Branchengrößen beraten. Rund 40 Gäste treten auf, darunter Felix Lobrecht, SSIO und Kida Khodr Ramadan – einige spielen überzeichnete Versionen ihrer selbst. Die Serie scheut keine Kontroversen und bedient sich derber Witze und direkter Sprache, um die Widersprüche der modernen Rap-Kultur schonungslos bloßzulegen.
Fleischwolf spiegelt den Wandel des deutschen Hip-Hop seit den 1990er-Jahren wider. Frühere Künstler wie Absolute Beginner oder Massive Töne setzten auf Erzählkunst und gesellschaftliche Themen, verwurzelt in marginalisierten Communities. In den 2010er-Jahren machten Streaming-Plattformen und soziale Medien Rapper wie Capital Bra oder RAF Camora zu Mainstream-Stars – Luxusmarketing und virale Trends verdrängten oft die inhaltliche Tiefe. Die Serie nimmt diesen Spannungsbogen mit selbstironischem Humor auf, sieht sich aber auch Kritik ausgesetzt, etwa wegen des geringen Frauenanteils in den frühen Folgen.
Trotz ihres provokanten Stils bleibt die Serie ihrer selbstkritischen Haltung treu. Indem sie Absurdität mit realen Beobachtungen verbindet, zeigt Fleischwolf, wie sich Hip-Hop vom Underground-Phänomen zur kommerziellen Macht entwickelt hat – und welche Auswirkungen das auf Kultur, Identität und Medien hat. Alle zwölf Folgen sind ab sofort in der ARD-Mediathek verfügbar.