Florentina Holzingers Sancta revolutioniert Hindemiths Skandaloper in Stuttgart
Bert BiggenFlorentina Holzingers Sancta revolutioniert Hindemiths Skandaloper in Stuttgart
Florentina Holzingers radikale Neuerfindung von Paul Hindemiths Sancta Susanna kehrt an die Staatsoper Stuttgart zurück. Was einst als 25-minütige, wegen Blasphemie verbotene Oper begann, ist nun zu Sancta geworden – einer fast dreistündigen, mutigen feministischen Performance, die religiöse Texte, neue Kompositionen und atemberaubende Bilder vereint. Zu sehen ist die Produktion am 3., 4., 5. Oktober sowie am 1. und 2. November.
Die Geschichte beginnt 1921, als Hindemiths Sancta Susanna mit ihren provokanten Themen einen Skandal auslöste. Von Kritikern als gotteslästerlich verurteilt, erlebte die Einakter-Oper im folgenden Jahr eine kurze Aufführung in Frankfurt. Fast ein Jahrhundert später hat Holzinger das Werk zu Sancta erweitert – eine Collage aus lateinischen Gesängen, deutschen Kirchenliedern und englischsprachigen Texten, die sich mit Körperpolitik, religiöser Unterdrückung und weiblicher Solidarität auseinandersetzt.
Doch diese Transformation war kein spontaner Akt. Holzinger und ihr Team entwickelten das Stück über Monate hinweg in Proben, feilten am Material bis kurz vor der Premiere. Herausgekommen ist alles andere als eine klassische Oper: Sancta ist ein packendes, immersives Erlebnis, das Kirchengeschichte hinterfragt und Frauen darin neu verortet.
Dirigentin Marit Strindlund, bekannt für ihr Wirken im experimentellen Musiktheater, sieht in Sancta eine bahnbrechende Form der Bühnenkunst. Die Premiere am Samstag war intensiv: 18 Zuschauer:innen mussten von Sanitäter:innen wegen Ohnmacht, Schock oder Überforderung behandelt werden. Gerade wegen – oder vielleicht auch trotz – dieser konfrontativen Natur hat die Inszenierung bereits jetzt bleibende Spuren hinterlassen.
Sancta sprengt Grenzen, indem es aus einer einst skandalumwitterten Oper ein feministisches Manifest macht. Mit seiner Mischung aus historischer Kritik und roher Körperlichkeit fordert die Produktion Aufmerksamkeit ein. Die anstehenden Termine an der Staatsoper Stuttgart bieten weitere Gelegenheiten, diese kühne Neuerfindung zu erleben.






