"Blutbuche" feiert rauschende Premiere in Berlins Vaganten Bühne
Ausverkauftes Haus bei der Premiere von Blutbuche in Berlins Vaganten Bühne
In der Charlottenburger Vaganten Bühne versammelte sich ein ausverkauftes Publikum zur Premiere von Blutbuche, der Bühnenadaption von Kim de l'Horizons preisgekröntem Debütroman. Die Inszenierung bringt eine zutiefst persönliche Reise durch Erinnerung, Identität und Heilung auf die Bühne. Drei Schauspieler:innen teilen sich die Rolle des Kim und verweben eine Erzählung, die sich jeder einfachen Definition entzieht.
Die Bühne wird dominiert von zerschlissenen beigen Strumpfhosen, die von der Decke hängen, mit Sand und schweren Kugeln gefüllt. Dieses markante Bild setzt den Ton für eine Geschichte, die Grenzen sprengt – ganz wie Kims eigener Körper, der sich jenseits binärer Kategorien bewegt. Die Erzählerin, aufgeteilt auf Julian Trostorf, Annemie Twardawa und Emma Zeisberger, führt das Publikum durch eine Welt, in der Vergangenheit und Gegenwart kollidieren.
Kim stürzt sich ins Chaos aus Sex, Nachtleben und flüchtigen Verbindungen, navigiert durch die Dating-App Grindr wie mit einem Kompass in unerkundetem Terrain. Doch die Suche geht tiefer als bloße Begierde. Unter der Oberfläche gräbt Kim in der mütterlichen Blutlinie, deckt transgenerationale Traumata auf, die in der Familiengeschichte vergraben liegen. Einziger Ort der Stille ist die Blutbuche, einst vom Urgroßvater gepflanzt – ein seltener Anker in einem Leben voller Fließendem.
Die Aufführung steuert auf einen leisen, doch kraftvollen Höhepunkt zu. Nach neunzig Minuten legen die drei Schauspieler:innen das Große Meer zur Ruhe, brechen mit ihren Stimmen ein Schweigen, das jahrelang auf Kim lastete. Das Ziel ist klar: Scham in etwas anderes zu verwandeln – in Akzeptanz, vielleicht sogar in Stolz.
Schon das Buch selbst hat Wellen geschlagen. 2022 gewann Kim de l'Horizons Roman sowohl den Deutschen als auch den Schweizer Buchpreis und etablierte sich als prägendes Werk der Gegenwartsliteratur. Nun verleiht die Bühnenfassung dieser Geschichte eine rohe, körperliche Präsenz.
Die Premiere markiert den Beginn einer Produktion, die das Publikum auffordert, sich mit Unbehagen und Verwandlung auseinanderzusetzen. Indem Kims Stimme auf drei Darsteller:innen verteilt wird, spiegelt das Stück die Komplexität eines Lebens wider, das sich nicht festlegen lässt. Die ausverkaufte Erstaufführung unterstreicht die Resonanz der Geschichte – als persönliche Abrechnung wie als gesellschaftliche Debatte über Identität, Erbe und das Gewicht des Schweigens.






